Ein Tag in Falkenhorst

Baronie Falkenberg, 18. Praios 1013 BF

Nachdem ich den obersten Mann meiner „Streitkräfte“ kennen gelernt habe, Chefbüttel Menzel Erlenfolt, nehme ich zusammen mit ihm, Cordovan und Emmeran die Untersuchung des Anschlags auf den Borontempel auf. Rashid kann leider nicht mitkommen, er hat nach einer übergroßen Portion Pilze Probleme mit dem Magen.

Der Tempel liegt im Süden der Stadt. Es handelt sich um eine kleine Kapelle, die von einer niedrigen Mauer umgeben ist, die neben dem Tempel noch das Haus des Priesters sowie den Boronanger umfasst. Auf dem Weg zur Tempelanlage berichtet uns Menzel kurz von der Nacht des Anschlags. Es war der dritte der Tage des Namenlosen, eine stürmische Nacht, in der in der Nähe des Tempels wohnende Bürger ein Feuer bemerkten und Schreie hörten. Sie rannten zum Schloss, um Hilfe zu holen. Als diese eintraf, stand das Tempeldach in Flammen. Nachdem der Brand gelöscht war, ließ Menzel den Tatort absperren und Mirya, die Falknerin meines Schlosses, nahm eine erste Spurensuche vor. Sie erkannte die Spuren von drei bis fünf Menschen. Einer von diesen schien etwas Schweres getragen zu haben – die Vermutung liegt nahe, dass es sich dabei um den vermissten Bruder handelte. Auch fand Mirya einen Punkt, an dem die Fußspuren endeten und in Pferdespuren übergingen. Diese führten Richtung Osten. Im Tempel wurde die Leiche des Novizen gefunden, schlimm verstümmelt, Hände und Füße waren abgetrennt. Der Tempel wurde nicht geplündert.

Bevor wir die Tempelanlage betreten und dabei vielleicht noch zu entdeckende Spuren vernichten, holt Cordovan lieber Mirya. Es handelt sich bei ihr um eine kleine, blasse Frau Anfang zwanzig, mit langen, schwarzen Haaren, die einen leicht fremdländischen Einschlag hat. Die Untersuchung der Anlage bringt wenig neue Erkenntnisse: Allein der schlimm mit Blut verwüstete Altar, auf dem offensichtlich rituell der Arme Novize umgebracht wurde, erweckt grausig unsere Aufmerksamkeit. Vor dem Altar findet Mirya ein halbes Boronrad, das wohl zu groß ist, um es als Kette zu tragen. Mehr war nicht zu finden – außer einem herrenlosen Hund, der auf dem Anger hinter dem Tempel streunt. Cordovan nimmt noch all dasjenige mit, das man für einen Wiederaufbau des Tempels noch verwenden kann.

Wir brechen zurück zum Schloss auf, um unser weiteres Vorgehen zu besprechen. Erfreut bemerke ich, dass sich Emmeran bei Menzel über Falkenhorst, seine Bewohner und Bräuche erkundigt. Ich hoffe, dass sich aufgrund meiner neuen Verpflichtungen unsere Wege nicht erneut für längere Zeit trennen müssen.

Zurück am Schloss diskutieren Emmeran, Cordovan und ich, wohin die Reise nun gehen soll.

Wir sind unschlüssig, ob es sinnvoll ist, den wochenalten Spuren nach Osten zu folgen, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren und dem armen Entführten zu folgen, oder ob wir uns nach Ysilia begeben, um herauszufinden, ob die Obduktion des Novizen etwas ergeben hat. Zuletzt lasse ich mich von den beiden überzeugen, dass unser Weg nach Osten führen sollte. Wir einigen uns darauf, dass wir am nächsten Morgen aufbrechen. Es kommt zu einer kleinen Auseinandersetzung zwischen meinen beiden Begleitern: Emmeran schlägt vor dass er bereits heute Nacht alleine aufbricht, um Zeit zu gewinnen. Er mag Cordovan aber nicht davon überzeugen, dass dies eine gute Idee sei, was auch daran liegt, dass er nicht erklären kann, wieso er so schneller ist. Ich versichere Cordovan, dass ich schon mitbekommen hätte, wie Emmeran größere Strecken gut alleine bewältigt, muss aber zugeben, dass ich auch nicht weiß, wie er das macht. Schließlich setzt sich Cordovan durch und wir vereinbaren, morgen früh gen Arkenheim aufzubrechen.

Bevor wir uns zu einem gemeinsamen Abendessen treffen, unterhalte ich mich noch einmal mit dem Burgvogt. Meinhard klärt mich darüber auf, das Mirya erst seit kurzer Zeit – wobei nicht klar wird, um wie viele Monat, gar Jahre es sich wohl handeln mag – auf dem Schloss ist. Mein alter, mittlerweile fast erblindeter Stallmeister hat sie von einer seiner letzten Reisen mitgebracht und sie als seine Tochter vorgestellt. Außerdem habe Mirya ihm vor kurzem mitgeteilt, dass sie einen neuen weißen Falken gesichtet habe, eine Information, die ich gerade nicht als besonders spannend erachte.

Ich gebe Meinhard für die Zeit unserer Reise ein paar Aufgaben, die ich ihn bitte zu erledigen. Er soll mir ein Liste mit den am Hofe wohnhaften Menschen sowie eine mit allen Gewerbetreibenden der Baronie zusammenstellen. Darüber hinaus soll er einen Kostenplan sowohl für den Aufbau des Borontempels als auch für den Aufbau einer Stallung anfertigen. Mein Vorgänger hat sich an dem wohl für die Größe der Baronie recht guten Pferdestand der Stallung schadhaft gehalten. Wie ich von Meinhard erfahre, gibt es einen säumigen Lehensmann, bei dem vielleicht ein wenig Geld einzutreiben ist. Es handelt sich, wie er mir mitteilt, um Cordovans Bruder Frederico Rahjatreu von Reuenhold. Er ist wohl nicht viel in Falkenberg und lässt sein Lehen von Cordovans Schwestern, Brinja und Elenja, verwalten. Die Familie stammt wohl ursprünglich aus Almada, was den für nördliche Gefilde ungewöhnlichen Namen des Bruders erklärt.

Während wir zu Abend essen, höre ich einen Reiter schnell in den Schlosshof preschen. Nachdem er angemeldet ist, treffe ich ihn in der Eingangshalle. Es ist ein gewisser Delian von Wiedbrück, Kommissar der Kaiserlich Garethischen Informations-Agentur, kurz KGIA. Er kommt aus dem Osten und verfolgt den „Schrecken der Tobimora“. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um einen größeren Mann mit dunkler Hautfarbe, zumindest ist er aber in dunkle Gewänder gehüllt. Er reitet auf einem Ross, dass manche Beobachter gar als Feuerross bezeichnen, und ist nach von Wiedbrücks Ansicht ein Magier. Dies habe seine Recherche der nun gut zehn Duzend Fälle aus dem letzten Jahr ergeben. In den letzten 20 Tagen ist es aber ruhig geblieben, der Fall in Falkenhorst ist das letzte überlieferte Vorkommen.

Insgesamt ist die Unterhaltung etwas anstrengend, denn von Wiedbrück hat ein sehr eingeschränktes Repertoire von Weltzugängen, wenn ich es mal so nennen darf. Dass ich zum Beispiel Begleiter an meinem Tisch sitzen habe, die mich beraten, jedoch nicht meine Untergebenen sind, kann er nicht verstehen. Auf einige Nachfragen reagiert er auch etwas gereizt, er wird sich aber daran gewöhnen müssen, dass wir so reden, wie wir reden. Schließlich begleiten wir ihn von nun an auf seiner Suche; per Dekret, das von Wiedbrück mir übergibt, verpflichtet mich der Herzog dazu. Und Emmeran und Cordovan sind – die Zwölfe seien Dank – auch bereit, sich von Wiedbrück zu verpflichten. Ich denke, dass auch Rashid mitkommen wird, sollte es sich bis morgen von seiner Magenverstimmung erholt haben.

Aus den Gedanken von
Wolfhart Raibridar von Horigan zu Welmshof,
Baron von Falkenberg, Ehrenbürger von Gratenfels